Die
Werra, dieser müde durch Salzlaken geschädigte Fluss,
der im thüringischen Schiefergebirge entspringt,
fließt die deutsch–deutsche Grenze entlang und hat
viel gesehen: die willkürliche Teilung einer Nation, das Leid
der Menschen auf beiden Seiten der Grenze, die hysterische Abschottung
der DDR durch Beton und Stahl, Minenfelder, Hundetrassen und
Selbstschussanlagen. Auch die Gewehrsalven der Grenzsoldaten und die
Todesschreie unschuldiger Menschen blieben ihr nicht verborgen. Fast
befreit trägt sie die Last ihrer Erinnerungen in die Weser, um
sie danach in der weiten Nordsee zu versenken.
Die Erinnerungen der
Menschen an ihre Untaten und Grausamkeiten, an ihren Verbrechen gegen
die Menschlichkeit, befohlen von einem korrupten und verlogenen System,
1000 Opfer des DDR Grenzregimes, diese lassen sich nicht
wegspülen.
Der
junge Grenzoffizier Josef Wild ließ sich auf einem parallel
zur Grenze angelegten Fahrweg mit Betonplatten stehend von seinem
Fahrer die Grenze entlang kutschieren. Die Pose war beeindruckend. Die
eine Hand an der Hosennaht, die andere als Stütze auf dem
Rahmen der Windschutzscheibe. Seine steingraue Uniform mit
grüner Paspelierung und grünem Mützenrand
war neu. Er hatte die Offiziersschule in Plauen, der Kaderschmiede der
DDR-Grenzoffiziere, als Jahrgangsbester abgeschlossen. Eigentlich
wollte er Germanistik studieren, denn die Literatur hatte es ihm
angetan. Als Jugendlicher verschlang er alle Bücher, die ihm
in die Hände kamen, vorrangig klassische Literatur. Als ihn
sein Vater einmal, anlässlich einer überregionalen
LPG-Sitzung mit nach Weimar nahm, stand er vor dem Standbild von Goethe
und Schiller und weinte. „Diese beiden haben uns in der Welt
nicht blamiert, wie es durch die Nazis geschah. Unsere Dichter, Maler
und Komponisten sind alles, was uns Deutschen geblieben ist“,
sagte er später zu seinem Vater.
Und jetzt war
er als Leutnant Teil des Grenzkommandos Süd, GKS, Stab Erfurt,
weil die Partei es so wollte und sein Vater nicht den Mut hatte, den
Genossen zu widersprechen.
Ursprünglich
war sein Vater Friedrich Wild ein streitbarer Sozialdemokrat, aber nach
der Zwangsvereinigung von KPD und SPD gab er klein bei. Um sicher zu
gehen, schickten ihn die Genossen für zwei Jahre nach Moskau
auf die Hochschule für Ackerbau und Viehzucht. Er kam
scheinbar geläutert zurück und vertrat in der
Öffentlichkeit die Grundsätze der Partei. Er wurde
1955 in einem Ort in der Nähe von Langensalza zum
LPG-Vorsitzenden ernannt. Nach außen war er stets linientreu
und bemüht in der LPG die Erträge zu steigern, denn
nur so konnte die DDR den Verlockungen des Westens standhalten.
„Satte Menschen sind friedlich“ war seine Devise.
Seine
Mutter war eine schüchterne Flüchtlingsfrau aus dem
Sudetenland, die auf der Flucht vor den Russen ihre Familie verlor und
die versuchte sich allein nach Frankfurt durchzuschlagen. Eigentlich
war sie nicht allein, denn einer der Jagdhunde ihres Vaters, ein roter
Setter, wich nicht von ihrer Seite. Und wenn es mal brenzlig wurde und
es galt sie zu beschützen, fletschte er die Zähne und
wurde zum Raubtier.
Sie
saß drei Tage am zerstörten Bahnhof von Unterberg
mit ihrem abgemagerten Hund und wartete, dass ein Zug kam, doch der
Bahnverkehr war längst eingestellt und so kam auch kein Zug,
dafür aber Josephs Vater, der zuerst auf den Hund aufmerksam
wurde und sein Herz höher schlagen ließ. Er fragte
nach dem Namen des Hundes und wollte auf ihn zugehen und ihn
streicheln, doch die Frau wehrte ab: „Ich bin die Susanne, er
heißt Bodo und greift jeden fremden Mann, der mir zu nahe
kommt, an“, sagte sie.
„Wollen wir mal
sehen“ sagte Josephs Vater und er strich dem Hund vorsichtig
über den Kopf. Dieser blickte mit seinen sanften Augen zu ihm
hoch und beschnupperte ihn.
„Wahrscheinlich riecht er
unsere Hündin Bianca. Als ich von der Front verwundet
zurückkam, fand ich in unserem zerbombten Haus nur noch den
Setter. Meine Eltern hatten den Krieg nicht überlebt.
„Wenn Sie Hunger haben,
Susanne und sich aufwärmen möchten, können
Sie mich begleiten, ich habe zwei Zimmer notdürftig repariert
und außerdem habe ich heute mit der Flinte meines Vaters, die
ich in den Trümmern fand, einen Hasen geschossen.“
Die Frau nickte, nahm Bodo an die Leine und folgte wortlos.
Ein
Jahr danach kam Joseph zur Welt.
Und
dieser fuhr jetzt auf einem holprigen Grenzweg, sah von Zeit zu Zeit
auf die westdeutsche Seite und dachte an die kleine Marie aus Oberberg:
„Wenn sie ihn so sehen würde“, doch er
verwarf den Gedanken sehr schnell, denn sie lebte jetzt im Westen und
gehörte zu den imperialistischen Klassenfeinden.
Früher
verband die beiden Dörfer Unterberg und Oberberg eine einfache
Straße und die Kinder beider Orte spielten miteinander. Die
Bewohner beider Dörfer kannten sich und nicht selten wurden
auch Ehen zwischen jungen Menschen beider Orte geschlossen.
Auf
der Potsdamer Konferenz wurde durch die Siegermächte
Deutschland willkürlich aufgeteilt und plötzlich
gehörte Unterberg zur russischen Besatzungszone und Oberberg
zur amerikanischen.
Die
ersten Jahre nach der Teilung änderten kaum etwas am Leben der
Menschen. Armut, Hunger und Trauer um die im Krieg Gefallenen gab es
überall in Deutschland.
Jeder
versuchte sich selbst zu helfen, so auch Friedrichs Vater. Morgens in
aller Herrgottsfrüh nahm Friedrich Wild Bianca und Bodo an die
Leine, die zerlegte Flinte war im Rucksack verstaut, sein Nachbar, der
hagere Müller stand schon vor dem Hoftor und beide schlichen
sich in die Felder. Die Hunde suchten die Wiesen ab und jedes Mal, wenn
sie Wild witterten, standen sie wie angewurzelt, so dass sich Friedrich
anschleichen konnte. Ein Knall und schon gab es einen Hasen, einen
Fasan oder Rebhühner für den Rucksack.
Natürlich bekamen auch die Hunde, die nicht sehr
wählerisch waren, etwas von der Beute ab.
Nachmittags
suchten die beiden Männer nach Obst in den Obstwiesen, die
nicht mehr bestellt und so von Brennesel überwuchert waren.
Jetzt waren auch die Kinder dabei. Marie, die Nachbarstochter, und
Joseph.
Wenn
die beiden keine Lust mehr hatten Beeren zu pflücken, spielten
sie mit Bodo, dem Flüchtlingshund und Bianca, der
Trümmerhündin, wie Josephs Mutter die beiden manchmal
nannte, auf der Wiese. Maries Vater sagte dann zu Josef: „Du
musst mir versprechen, auf sie aufzupassen, dass sie nicht in den Bach
fällt. Sie ist so stürmisch wie ein junger
Setter.“ Josef erwiderte dann: „Mach ich, ich
verspreche es, ich werde immer auf sie aufpassen.“ Marie
wurde bei diesen Worten ganz rot und als sie allein waren, schenkte sie
ihm ein weißes Taschentuch mit angeblich seinem eingestickten
Namen, der nur aus einigen unbeholfenen Stichen bestand.
Ein bescheidenes Leben in
einer zerstörten Welt bahnte sich an und die angebliche Grenze
interessierte keinen. Bis zu dem Tag Anfang 1952, der alles
veränderte.
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17.02.2022:
Fortsetzung - Teil 2
Holzfäller
aus den thüringischen Wäldern wurden angekarrt, aber
auch andere Menschen aus den Dörfern der Werra entlang. Sie
wurden von Volkspolizisten begleitet und hatten die Aufgabe, das
Gelände an der Grenze frei zu machen, zu glätten und
einen Grenzstreifen zu ziehen.
SED-Funktionäre,
die nach Unterberg kamen, erkundigten sich nach Menschen, die
unzuverlässig und nicht linientreu seien. Man munkelte, dass
diese in den nächsten Tagen ins Landesinnere umgesiedelt
werden würden. Diese Aktion hatte den menschenverachtenden
Namen „Ungeziefer“. Zwei Funktionäre
erkundigten sich ausführlich bei Friedrich Wild, den sie
für einen der ihrigen hielten, über seinen Nachbarn
Hans Müller. Während des Gesprächs stellte
sich heraus, dass sie gut informiert waren und dass sie auch
über die morgendlichen
„Jagdzügen“ der beiden Bescheid wussten.
„Wir nehmen es ihnen ja
nicht übel, dass sie ihre Familie versorgen, aber sie
müssen mit uns zusammenarbeiten, da sie als Sozi seit 1946
jetzt auch zur SED gehören.“ Dies bejahte Friedrich
natürlich, gelobte Zusammenarbeit und wartete nur, bis beide
weggefahren waren, um über den Gartenzaun seinen Nachbar zu
warnen.
Am
nächsten Morgen, als Joseph Marie zum Spielen abholen wollte,
war das Haus leer.
Später
erfuhr man, dass Hans Müller in der Nacht seine
Schwiegereltern und die beiden Schwager in Oberberg besucht habe. Es
fanden sich acht mutige Männer, die ihm halfen sein gesamtes
Hab und Gut über die provisorische Grenze zu bringen.
Die
Partei schien aber von Friedrichs Antwort auf die Frage, ob er von dem
nächtlichen Auszug der Nachbarn nichts mitbekommen habe, nicht
überzeugt. Dieser versicherte, er habe versucht seine
Zahnschmerzen mit Schnaps zu ertränken und fest geschlafen.
Einige
Tage danach erhielt er die Mitteilung, dass ihm von höchster
Stelle für zwei Jahre ein Stipendium zum Studium nach Moskau,
das er nicht ablehnen könne, zugesprochen wurde.
Seine
Frau war verzweifelt, doch Friedrich Wild meinte nur:
„Ablehnen ist zwecklos, vielleicht warten sie gerade darauf,
dass wir einen Fehler machen. Du und Joseph werdet gut versorgt
sein.“
Der
kleine Joseph schlich an den folgenden Tagen immer wieder ums
Nachbarhaus, es konnte doch nicht wahr sein, dass seine Freundin ihn
verlassen hat. Sie waren doch gestern noch zusammen Maikäfer
für die Hühner sammeln.
Die
Straße an der Grenze wurde immer holpriger und die Fahrt
immer schwieriger. Leutnant Joseph wachte aus seinen Träumen
auf und plötzlich kam er sich lächerlich in dieser
Pose vor, erinnerte sie ihn doch eher an die Bonzen des dritten
Reiches, denen das Volk zujubelte. Ihm jubelte niemand zu und als sie
eine Anhöhe hoch fuhren, waren sie gut auf dem anderen Teil
der Grenze sichtbar und prompt von einer Gruppe junger Klassenfeinde
aus ihrem Ford Capri mit einem Hupkonzert begrüßt.
Er
nahm wieder auf dem Beifahrersitz Platz, wandte sich zum
Rücksitz und streichelte lange in Gedanken versunken seinen
jungen irischen Setter Lucas.
Als
er seine Tour beendet hatte, stieg er auf den Kontrollturm. Vorher
musste er sich von einem Untergebenen die alten Witzeleien
anhören: „Ach, das Schoßhündchen
lebt ja noch, hatte wohl Glück, dass er den Trassenhunden
nicht zu nahe kam, denn diese kennen keinen Pardon, weder mit Mensch
noch Tier, das sind echte DDR-Schäferhunde.“ Da ihm
die Sprüche auf die Nerven gingen, sagte er nur:
„Morgen zwei Schichten für dich“ und nahm
auf der oberen Etage eines Kontrollturms Platz. Mit seinem
Zeiss-Fernrohr hielt er Ausschau nach den Republikflüchtigen.
Oder suchte er vielleicht die Wiesen im Feindesland nach einer jungen
Frau mit einem roten Hund ab, die jeden Abend einen Setter spazieren
führte?
Wenn
er sie sah, zoomte er sie heran, so nahe, dass er ihr Gesicht und ihre
Augen sehen konnte und er hatte keine Zweifel: die gleichen Augen,
dieselben Grübchen in den Wangen. Es musste Marie sein. Und
wenn der Setter dann mal wieder einen Hasen hochmachte und ihm das
Geleit gab, dachte er an die boshaften Worte seines Vaters:
“Setter bevorzugen Frauen, weil sie diese besser austricksen
können.“
Mit
hereinbrechender Nacht, übergab er das Kommando an seinen
Untergebenen, ging in die Kaserne, legte sich auf das Bett und dachte
jeden Abend das Gleiche: „Gott bewahre uns vor einem
Grenzgänger, ich will keinen Menschen
töten.“ Seine Mutter, die eine gläubige
Frau war, sagte immer:
„Bete,
wenn du in Nöten bist, aber leise, denn nur die Gedanken sind
frei.“ Und er wusste
auch an diesem Abend nicht, wie er sich bei einem wirklichen
Zwischenfall verhalten würde. Gut, dass er ein Zimmer
für sich hatte, denn das Misstrauen der einzelnen Offiziere
untereinander war groß, jeder konnte zur Stasi
gehören.
Lucas
nahm neben ihm Platz, drückte sich fest an ihn und so
schliefen sie ein.
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01.03.2022:
Fortsetzung - Teil 3
Eigentlich
dürfte es Lukas gar nicht geben, denn in der DDR gab es
für alles Reglementierungen und selbstverständlich
auch für die Hundezucht. In jedem Wurf durften nur acht Welpen
am Leben bleiben. Die anderen wurden „gemerzt“.
„Welch
hässlicher Ausdruck“ schimpfte Josephs Vater,
natürlich nur, wenn sie allein waren. „Merzen statt
Töten, wir Deutschen sind Meister im Beschönigen und
Verfälschen der Worte. Und dabei widerspricht diese
Aussortierung allen Gesetzen der Genetik“ Denn von dieser
Wissenschaft, die allmählich auch in der Tierzucht Einzug
hielt, hatte er bei Fortbildungen über die Auswahl der
Zuchttiere in der Viehzucht einiges mitbekommen. „Wie
kann ich sehen, welcher Hund über die besten Erbmerkmale
verfügt, wenn ich manchmal ein Drittel nach der Geburt
töten muss? Das sind faschistische Methoden“,
schimpfte er abends, wenn das Hoftor verschlossen war und er und seine
Frau sich ins Schlafzimmer zurückgezogen hatten, wo auch die
Körbe für die Hunde und der Fernseher stand.
Was ihn
genauso nervte war der „Antrag auf
Deckrüdenzuweisung“, den er ausfüllen
sollte. „Bald wird
auch für die Menschen gelten: eine Genossin und ein Genosse
und vorher ein Antrag an die Partei!“
schimpfte er. Obwohl seine Frau ihn warnte, ließ er es sich
nicht nehmen, jeden Abend das Westfernsehen einzuschalten und wenn
Brandt eine Rede hielt, hörte er andächtig zu. Das
Schlafzimmer hatte keinen Telefonanschluss und konnte so nicht verwanzt
werden. Als LPG-Vorsitzender waren ihm die Stasimethoden nicht fremd.
Das ist unser sicherer abhörgeschützter Bunker
lästerte er manchmal, wenn er mit seiner Frau allein war. Und
Joseph flüsterte er öfter zu: „ Wir
wären Narren, wenn wir uns ihnen widersetzten, denn sie haben
die Macht. Mit den Wölfen heulen heißt nicht ein
Wolf zu sein. Früher, als die Kirchenglocken
läuteten, haben unsere Setter auch geheult, aber sie waren
beileibe keine Wölfe. Joseph, du musst ihnen immer sagen, was
sie hören wollen, Aufrichtigkeit und Zusammenhalt gibt es nur
in der Familie.“ Randbemerkung des Autors: Ob Vater und Sohn,
die ja beide zu Aufsteigern und Profiteuren dieses Systems wurden,
obigem Grundsatz treu blieben, ist fraglich. Während eines
Besuchs bei seinen Eltern, stellte Leutnant Joseph sofort fest, dass
sein Vater an diesem Tag etwas fahrig und leicht nervös war.
Er bat zum ersten Mal seinen Sohn, die Uniform abzulegen, er sagte nur
:
“So
ist es mir lieber, so sehe ich meinen Sohn und nicht die geballte
Staatsgewalt“, danach bat er ihn ins Schlafzimmer und
führte ihn an die Wurfkiste: „Neun gleiche und
gesunde Welpen und einer muss getötet werden, das geht nicht
in meinen Kopf!“ Joseph streichelte die Welpen, jeden
einzelnen, wie er es als Kind schon immer getan hatte, dann richtete er
sich auf und sagte: „Vor der Wurfabnahme komme ich wieder und
dann nehme ich den Welpen mit dem weißen Brustfleck mit. Er
wird Lukas heißen. Dann sind es nur noch acht. Leutnant
Joseph Wild ist nicht verpflichtet, Auskunft über die Herkunft
seines Jagdhundes zu geben.“
Es trifft
sich gut, da sie mir sowieso den Jagdschein als kleine Anerkennung
zugeschickt haben. Erleichtert umarmte der Vater seinen Sohn. Und so
nahm das Schicksal seinen Lauf. Lucas wuchs zu einem
prächtigen Setter heran. Er war hochnäsig und
schön. Wenn die „Trassenhunde“, die es der
Grenze entlang an manchen Stellen noch gab, ihn wütend
ankläfften, drehte er überheblich den Kopf in die
andere Richtung. Joseph tadelte ihn dann: „Die armen Kerle
würden gern mit dir tauschen, sei nicht so
arrogant.“
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01.03.2022:
Fortsetzung - Teil 4
Abends, wenn sie allein im Wachturm
saßen, scherzte Joseph: „Wenn du ein Mensch
wärst, würde ich dir mein Zeiss-Fernglas ausleihen.
Die unerzogene Setterhündin im Feindesland, die eine Frau an
der Leine hinter sich herzieht, ist eine wahre Pracht. Lucas hob dann
die Nase und begann zu schnuppern und Joseph war sicher, dass sein
roter Freund alles verstand.
Am 1. Mai, am sogenannten
Internationalen Kampf- und Feiertag der Werktätigen
für Frieden und Sozialismus, fuhr Leutnant Joseph mit Lucas in
die Stadt.
Er trug wie die meisten Grenzer bei
ihren seltenen Ausgängen keine Uniform. Die Beliebtheit der
„Elitetruppe“ hielt sich bei den Genossen in
Grenzen. Bei einem Tanzfest - Lucas lag brav ohne Leine unter einem
Biertisch - lernte er die FDJ-Sekretärin der Gegend kennen.
Diese war wenig zimperlich und lud
ihn sofort zu sich in die Wohnung ein. Im Treppenhaus zeigte sie Joseph
eine Stelle, wo er Lucas anleinen könne. Damit endete die
Liebelei, bevor sie begonnen hatte.
Bei
einer hübschen Genossin auf einem LPG-Fest waren es die
Katzen, die Lucas durch das Haus scheuchte. Die Krönung seiner
Störmanöver leistete sich Lucas, als er bei einem
gemütlichen Spaziergang am Bach Josephs Auserwählte
schockte, indem er einer Ente hinterher schwamm und das nasse Federvieh
der jungen sensiblen Kunststudentin vor die Füße
legte. „Du
machst mich zum alten Junggesellen mit deiner flegelhaften
Art“, schimpfte Joseph, um dann am Abend sein Fernglas zur
Hand zu nehmen und die „kapitalistischen“ Wiesen
abzusuchen.
Ohne große Aufregung
verging ein Tag wie der andere. Acht Stunden Dienst, acht Stunden
Bereitschaft, acht Stunden Schlaf. Besondere Vorkommnisse gab es kaum:
ein eingeschlafener Grenzposten, der in den Bau musste, Missachtung des
Rauchverbots beim Dienst, Streit schlichten zwischen den Soldaten und
wieder war für die Betroffenen Bau fällig.
Doch dann kam der Tag, den Joseph nie
vergessen würde. Seine Gruppe hatte an diesem Abend
Bereitschaft. Er hatte den Kontrollgang abgeschlossen und war gerade
dabei „keine besonderen Vorkommnisse“ in seinen
Bericht zu schreiben, als das Sirenengeheul ihn aufschreckte.
Leuchtraketen tauchten den Grenzstreifen in ein grelles Licht, dann
folgte eine Gewehrsalve. Joseph stürzte zur Tür
hinaus und trommelte seine Mannschaft zusammen.
Das Bild, das sich Joseph bot, war
grauenvoll. Eine junge Frau lag blutüberströmt auf
dem Grenzstreifen. Sie schrie vor Schmerzen. Neben ihr kniete ein
Grenzsoldat und stammelte immer wieder: „Bitte vergeben sie
mir, ich wollte doch nur einen Warnschuss abgeben.“
Joseph versuchte die Frau
aufzurichten, doch sie sank immer wieder in sich zusammen, dabei
flüsterte sie mit schwacher Stimme: „Ich wollte doch
nur zu meinem Mann. Wir haben in Ungarn am Plattensee geheiratet. Ich
trage sein Kind in mir.“
Joseph sah verzweifelt in die Runde:
„Wo sind die Sanitäter? Schafft sie endlich
herbei“, schrie er mit heiserer Stimme. Als diese kamen war
es zu spät. Die Frau starb in Josephs Armen.
Am nächsten Morgen erfuhr
man, dass sich der Schütze in der Nacht erschossen habe. Es
war ein junger schmächtiger Mann, der so gerne Musik studieren
wollte. Er hatte sich freiwillig zur Grenze gemeldet, um
anschließend zum Studium zugelassen zu werden.
Am nächsten Tag kam General
Oberst Erich Franz aus Berlin. Leutnant Joseph Wild erhielt vorher
einen Anruf, er solle alle dienstfreien Grenzsoldaten für
Punkt 12 Uhr zum Appell antreten lassen.
Leutnant Joseph Wild erstattete
Bericht: Vorkommnisse der letzten Nacht: Zwei Todesopfer, ein
Grenzsoldat und eine Privatperson. Der Generaloberst winkte ab, zog ein
Papier aus der Tasche und las: „Fähnrich Ulf Fink
hat durch seinen Heldenmut einen Grenzdurchbruch von Ost nach West
verhindert. Die DDR-flüchtige Person wurde von ihm gestellt.
Sein heldenhafter Dienst für die deutsche demokratische
Republik macht uns stolz. Er ist in Erfüllung seiner
patriotischen Pflicht gestorben. Am 1. Dezember, dem „Tag der
Grenztruppen“, werden wir seiner gedenken“.
Scherzhaft fügte er hinzu:
„Auf Salutschüsse werden wir hier verzichten, sonst
glaubt der imperialistische Westen, dass wir ihn angreifen.“
Er warf einen Blick auf Lucas, der
sich für die Vorträge nicht zu interessieren schien
und gemütlich in die Sonne blinzelte. Der Hund missfiel ihm
und so grunzte er beim Warten auf seinen Fahrer, der dabei war, die
Hintertür des schwarzen Moskwitsch zu öffnen:
„Du taugst nicht als Trassenhund, weil dir der Biss fehlt und
als Jagdhund verwechselt man dich mit einem Reh.“
Und die tote, namenlose, vergessene
Frau?
Auf der anderen Seite der Grenze
wartete ein Mann tagelang vergebens.
Der Oberst war bereits eingestiegen,
doch das Fahrzeug fuhr nicht los. Alle standen in Reih und Glied
aufgereiht mit der Hand an der Mütze um den Gast zu
verabschieden.
Dieser unterhielt sich mit seinem
wild gestikulierenden Adjutanten, von dem alle wussten, dass er zur
Staatssicherheit gehörte, im Inneren des Wagens.
Plötzlich stieg der Oberst wieder auf aus, wandte sich mit
folgenden Worten an Leutnant Wild: „Genosse Wild, ich
suspendiere Sie mit sofortiger Wirkung vom Dienst. Sie haben Sympathie
zu einer Republikflüchtigen gezeigt und erste Hilfe geleistet,
das ist untersagt. DDR-Flüchtlinge sind Verbrecher. Ihr
Stellvertreter übernimmt ab sofort all ihre
Pflichten.“
Joseph wagte zu erwidern:
„Es war eine schwer verletzte schwangere Frau.“
„Also
zwei Flüchtige“ sagte der Oberst. Er stieg ein und
das Auto setzte sich in Bewegung.
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20.03.2022:
Fortsetzung - Teil 5
Joseph übergab alle
Protokolle seinem Untergebenen, tauschte die Uniform gegen einen
schlichten Anzug, nahm Lucas an die Leine und ging zum Bahnhof. Einige
der Soldaten riefen ihm hinterher: „Wild, du bist ein
Verräter“. Die Fahrt mit dem Zug zu seinen Eltern
war durch das zweimalige Umsteigen recht mühsam. Mit dem
Dienstwagen brauchte er vorher nur eine knappe Stunde. Er traf am
späten Nachmittag zu Hause ein. Als er das Tor
öffnete, traute er seinen Augen nicht. In der Einfahrt stand
ein schwarzes Fahrzeug mit Diplomatennummer. Auf der Veranda
saß sein Vater und trank Wodka mit einem schwarz gekleideten
Mann. Dieser rief ihm zu: „Syn moyego druga, Sohn von Freund,
was für ein roter sobaka hast du, ist sicher russisch. Lass
hier be tvoy Vater. Er macht Schmutz in mashinui. My idem v kazarmy,
fahren zurück. Joseph konnte nicht antworten. Er sah seinen
Vater an, dieser nickte. Er umarmte seine Mutter und sie fuhren los.
Die ganze Strecke sprach der unheimliche Mann kein einziges Wort.
Als sie in der Kaserne ankamen, war
es fast dunkel und dennoch standen alle in Reih und Glied. Selbst der
Oberst, der wieder angereist war, riss die Hacken zusammen und
salutierte. Der Diplomat würdigte ihn keines Blickes. Zu
Joseph sagte er: „Zieh uniformu an, naden'te uniformu
leytenant“.
Er küsste Joseph nach
russischem Brauch auf die Wange, drehte sich zu Oberst Franz und
brüllte ihn an: „Mach keine Fehler Genosse Oberst,
ich lasse für dich Gulag in Sibirien wieder aufbauen. Die
Sowjetunion ist groß und wir sagen dir, was gut oder schlecht
ist.“ Er zwinkerte Joseph zu, stieg in den Wagen und der
Fahrer fuhr los.
Oberst Franz winkte seinen Fahrer
herbei, murmelte mit finsterer Miene zu Joseph: „Nichts
für ungut Leutnant Wild, nehmen Sie sich in Acht“
und weg war er.
Natürlich
löste der Diplomatenbesuch bei Friedrich Wild im Dorf heftige
Spekulationen aus: Wild ein KGB Spion, Wild als zukünftiger
Außenminister der DDR? Andere glaubten zu wissen, dass der
alte Wild als junger Mann bei seinem Studium in Moskau durch einen
waghalsigen Sprung in die Moskwa dem Kind eines hohen Regierungsbeamten
das Leben gerettet habe. Letztere Variante könnte der Wahrheit
näher kommen.
Für
Leutnant Joseph Wild war diese Demütigung durch seinen
Vorgesetzten eine Wende in seinem Leben. Das Heitere und Leichte, das
trotz dieses grotesken Dienstes in ihm schlummerte, war über
Nacht verschwunden. Besonders die Schadenfreude seiner Untergebenen bei
seiner Suspendierung nagte in ihm.
Zu
seinem Setter Lucas blieb er weiterhin freundlich. Wenn sie abends
allein im Zimmer waren, sprach er mit ihm. Oft war es belangloses Zeug
oder es waren Kindheitserinnerungen an die Zeit mit Marie in Unterdorf.
Lucas hörte aufmerksam zu und man konnte glauben, dass er
alles verstand, denn bei Geschichten, die auch ihn betrafen, begann er
plötzlich mit der Rute zu wedeln. Oft erzählte er
Lucas auch wie schön es wäre, mit der jungen Frau mit
dem Setter durch die grünen Wiesen einer freien Welt zu
laufen. Wenn er dann den Finger auf den Mund legte und zu Lucas sagte:
„Unser Geheimnis“, fiepte dieser, so als
hätte er alles verstanden.
Im
Alltag war Joseph wie ausgewechselt. Er hatte endlich das begriffen,
was viele Menschen aus den Ostblockstaaten ausmachte: eine strikte
Trennung zwischen Innen- und Außenleben.
Nach
außen verkörperte Leutnant Wild den DDR-Offizier,
der Wert auf strikten Dienst nach Vorschrift legte.
Unpünktlichkeit
bei Dienstantritt bedeutete für die Soldaten Streichung des
Ausgangs für einen Monat; Trunkenheit bedeutete drei Tage
Arrest. Einschlafen während des Grenzdienstes bedeutete
Verlust des Urlaubs.
Er
führte die gefürchteten Politabende mit
Frage-Antwort-„Spiel“ wieder ein.
Wenn Fragen wie
„Warum müssen wir die DDR-Grenze
beschützen?“ lapidar mit „um
Flüchtlinge zu erschießen“ von einem
Soldaten beantwortet wurde, betraf die Reglementierung nicht nur den
Betreffenden, sondern auch seinen Zugführer. Beide mussten
hundert Mal den Satz „Verletzung der Grenze von Ost nach West
durch Saboteure und Reaktionäre aus dem Westen müssen
verhindert werden. DDR-Flüchtige
sind zu stellen“ schreiben.
Natürlich
führte diese Maßnahme dazu, dass das
Verhältnis zwischen Fähnrichen und den Untergebenen
nicht das Beste war. Hass, Misstrauen und Verpetzen waren an der
Tagesordnung.
Besonders
schlecht kamen bei ihm die Söhne des Staatsicherheitsapparats
weg. Oft prahlten diese verwöhnten Jasager mit der
Tätigkeit der Eltern. Für sie war der Grenzdienst nur
ein Sprungbrett für einen Studienplatz und deshalb waren sie
bemüht sich anzubiedern und zu gefallen.
Leutnant
Wild scherte sich wenig darum, Hauptsache war, dass die Stasispitzel in
der Kaserne sein Durchgreifen zum Wohle des Arbeiter- und Bauernstaates
an ihre Vorgesetzten weitergaben, was natürlich
regelmäßig erfolgte. Eine Beförderung
ließ bei einem derartigen Pflichtbewusstsein nicht lange auf
sich warten.
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0.03.2022:
Fortsetzung - Teil 6
Oberleutnant
Wild wurde jetzt mit anderen Aufgaben betraut. Er übte ab
sofort auch Kontrollfunktionen über andere Grenzsektionen aus.
Die Auseinandersetzungen mit dem
„Fußvolk“ blieben ihm erspart.
Ihm stand ab
sofort ein geräumiges möbliertes Zimmer zur
Verfügung.
Bei seinen
„Dienstfahrten“ verzichtete er manchmal auf seinen
Fahrer, so dass er zwischendurch an einem stillen Ort anhalten und mit
Lucas einen Spaziergang machen konnte.
Private
Gespräche mit Soldaten lehnte er ab. Er hasste geradezu
Menschen, die versuchten durch Schmeicheleien sein Wohlwollen zu
erkaufen.
Er erinnert
sich immer wieder an die Worte, die sein Vater ihm bei Dienstantritt
mitgab:“ Suche dir deine Freunde selbst aus und sei
vorsichtig und wählerisch. Halte Menschen auf Abstand, die
dich angeblich bewundern, sie erhoffen sich nur Vorteile, du bist ihnen
egal, sie werden dich eiskalt verkaufen. In dieser Welt gibt es viele
Denunzianten, benutze sie, aber halte sie immer auf Abstand.“
Joseph war
oft einsam, doch nie allein, denn er hatte Lucas, der stets an seiner
Seite war.
Und da waren
ja auch noch die Besuche bei seinen Eltern. Joseph genoss diese Tage.
Am liebsten saß er mit seiner Mutter auf der Veranda und
lauschte ihren Geschichten über den Bauernhof ihrer Eltern im
Sudetenland. Herrliche Wälder, Flussauen in einem satten
Grün mit weidenden Kühen, ein Garten voller
Geflügel; eine beschauliche Welt, bis die Russen kamen und
über das Gartentor hinweg zwei der drei Jagdhunde des Vaters
erschossen. In der gleichen Nacht packte die Familie ihren Leiterwagen
und sie fuhren los.
Wenn der
pompöse russische Freund des Vaters auftauchte, blieb sie
höflich, doch sie mochte ihn nicht.
Oft pflegte
sie zu sagen: „Die Welt kann man nicht durch Arbeitslager
besser machen, sondern nur durch Bildung.“ Was würde
ein Dostojewski, Tolstoi, Gogol, Bulgakow oder ein Puschkin denken,
wenn sie diese „armselige Diktatur des
Proletariats“ und die „geschundene russische
Seele“ erleben müssten?“
Joseph war
verblüfft über derartige Aussagen der Mutter und er
fragte sie, woher sie all diese Autoren kenne und sie bemerkte nur,
dass diese Schriftsteller genau wie Goethe und Schiller auch ihren
Platz in der Weltliteratur hätten.
„Die heutige Jugend kennt
solche Bücher nicht, dafür müssen junge
Menschen einen Strittmatter lesen oder sie werden mit Theorien
über den „Sozialistischen Realismus“- eine
groteske Erfindung der Kulturfunktionäre-„
gefüttert“, fügte sie hinzu.
Auch Lucas
schienen solche Gespräche zu interessieren. Oder lauschte er
nur so andächtig den Worten der Mutter, weil sie fast
zufällig einen Belohnungshappen fallen ließ?
Allein der
Vater wurde bei solchen Gesprächen unruhig und von Zeit zu
Zeit schlug er vor, das Thema weiter im abhörsicheren
„Schlafzimmerbunker“ weiterzuführen.
Irgendwie
schien der Vater mit seinen Gedanken weit weg zu sein.
Als ihn
Joseph endlich fragte, was los sei, platzte es aus ihm heraus:
„In einer Woche soll hier eine Treibjagd zu Ehren unseres
großen Genossen Honecker stattfinden. Die Maisernte ist noch
in vollem Gange und die Zuckerrübenernte ist auch noch nicht
abgeschlossen. Gestern erhielt ich die Anweisung, den Mais samt Kolben
einzuackern, damit alles „blitz-blank“ sei. Es ist
ein Verbrechen. Da müht man sich ein ganzes Jahr mit dem
Getreide ab, um vor der Ernte mehr als zehn Tonnen Mais zu verscharren,
damit die Optik stimmt. Übrigens ist der Genosse Oberleutnant
Joseph Wild auch als Schütze eingeladen, welch eine Ehre. Ich
soll den Treiber machen. Gut, dass der Dorfarzt mir bereits eine
Verstauchung des linken Köchels bescheinigt hat“,
fügte er spöttisch hinzu.
Bevor sich
Joseph verabschiedete, nahm er seine Mutter, die er bedingungslos
liebte, in den Arm und flüsterte ihr zu:
„Ich verspreche dir,
Mutter, in meinem nächsten Urlaub werden wir beide den Ort
deiner Kindheit und Jugend besuchen. Die Tschechoslowakische Republik
ist jetzt unser kommunistisches Bruderland und ein Visum
dürfte für mich kein Problem sein“.
Er war
überrascht als sie ihm mitteilte, dass sie dies nicht
wünsche: „Ich will die Bilder meiner Kindheit nicht
zerstören durch eventuelle unangenehme
Überraschungen“, sagte sie, was ihr Sohn durchaus
verstand.
Lucas lag
jetzt entspannt bei den anderen Hunden, er schien zu schlafen, doch mit
einem Auge beobachtete er ständig Joseph, denn es
könnte ja das Zeichen zum Aufbruch geben. Als dieser seine
Jacke überzog, war Lucas plötzlich hellwach. Das fiel
auch der Mutter auch und sie meinte, dass Hund und Herr ein
hervorragendes Team seien, da Lucas jede kleine Geste Josephs
verstand.
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10.04.2022:
Fortsetzung - Teil 7
Da
Oberstleutnant Wild freitags noch Dienst hatte, fuhr er Samstagmorgen
nach Hause zurück, um bei der Treibjagd dabei zu sein. Es
stand außer Frage, dass ein Fernbleiben für ihn
Konsequenzen bedeutet hätte. Schweren Herzens nahm er auch
Lucas mit, denn er kannte all die traurigen Geschichten, dass bei
solchen Veranstaltungen die schießwütigen Teilnehmer
nicht selten einen Irischen Setter mit einem Reh verwechselt
hätten. Auf der Fahrt hielt Joseph seinem Gefährten
eine Standpauke nach der anderen, dass dieser stets in seiner
Nähe zu bleiben habe, und dass kein Wild so
verführerisch rieche, um diese Regel zu brechen.
Als sie
durch die Hauptstraße des Dorfes fuhren, sah dieses wie
verwandelt aus. Junge Pioniere in weißen Hemden mit blauen
Halstüchern hielten Plakate mit der Inschrift „Wir
kämpfen um hohe Lernergebnisse“ hoch, andere
versuchten eifrig die Grundschüler in Reih und Glied am
Straßenrand aufzustellen.
Überall
gab es Plakate mit Honeckers Gesicht und dazu passende Losungen:
„Vorwärts immer, Rückwärts
nimmer.“
„Meinem Friedensstaat,
meine Friedenstat“, Joseph musste dabei unweigerlich an die
getötete Frau an der Grenze denken.
Zwei junge
Frauen hielten ihre Losung „Folgt dem Beispiel unserer
Partei, arbeitet und lebt sozial“ so hoch, dass sie umkippte
und die Kleinsten überdeckte. Zwei Kinder rannten in Panik
davon.
Zwei Freunde
seines Vaters aus der LPG trugen ein Schild: „Gute
Qualität in der Arbeit ist ein Beitrag zur Stärkung
der DDR“.
Joseph wurde zur Seite
gewinkt. Er hielt seinen Lada an und stieg aus. Im
gleichen Moment brauste die Autokolonne des Personenschutzkommandos in
ihren Tschaikas vorbei. Es folgten „fremdartige
Geschöpfe“ aus kapitalistischer Produktion (Volvo,
Mercedes G, Citroen CX Prestige, Toyota), die Fahrzeuge der Diplomaten
und hohen Funktionäre, gefolgt von einem lindgrünen
Range Rover
mit einem massiven Rammschutz, elektrischer Seilwinde und
großen Scheinwerfern. Ein blasses Gesicht mit schwarzer
Hornbrille auf dem Rücksitz schien zu winken. Oberleutnant
Wild schlug automatisch die Haken zusammen und salutierte.
Als
Nachhut folgten zwei Aro Geländewagen mit Wachleuten.
Zurück
blieben in Staub eingehüllte Trabis und Wartburgs am
Straßenrand und Menschen, die ihre Losungen zusammenrollten
und sich auf den Rest des freien Tages freuten. Die Kinder packten
ihren Fußball aus und verschwanden auf dem Bolzplatz des
Dorfes.
Oberstleutnant
Wild war vorerst einmal beschäftigt den aufgeregt
kläffenden Lucas zu beruhigen, denn diesem war das alles nicht
geheuer.
Joseph
stattete seinen Eltern einen kurzen Besuch ab. Nachdem er seine Uniform
durch die Jagdkleidung ausgetauscht hatte, fuhr er ins Jagdrevier. Er
fuhr an kahlen „abrasierten“ Feldern vorbei. An
manchen Stellen wurde das Maisstroh mit den reifen Kolben nicht ganz
untergepflügt und Joseph musste an die traurigen Worte seines
Vaters denken.
Nach
zweimaliger Ausweiskontrolle wurde er den Schützen zugeteilt
und er durfte das riesige Jagdzelt betreten. Massive
Stützpfeiler aus Metall, die Wände und der Boden mit
Tannenreisig bedeckt. Ein Duft von frisch geschlagenen Tannen
übertönte den Zigarettenqualm. Etwas abgelegen gab es
das Zelt der Treiber, das weniger aufwendig ausgestattet war. Nach
einigen Minuten wurde Oberstleutnant Wild an den Ehrentisch gebeten.
Er
trat an den Tisch und salutierte in perfekter Manier.
Der
Mann mit der schwarzen Hornbrille blätterte in seinen
Aufzeichnungen. Als er den Namen fand, sah er hoch: „Genosse
Oberstleutnant Wild, nach Aussagen unseres russischen Freunds sollen
Sie einer der Besten sein. Als Offizier der Grenztruppe
kämpfen Sie am antiimperialistischen Schutzwall an vorderster
Front. Waidmannheil, Genosse Oberstleutnant. Abtreten.“
„Danke der Ehre, Genosse Staatsratsvorsitzender“
erwiderte der junge Grenzoffizier.
Erst
dann sah Honecker Lucas, der an der linken Seite seines Herrn artig in
der Sitzposition verharrte.
„Aber was wollen Sie denn
bei einer Großwildjagd mit diesem
Hühnerhund?“ Joseph strich Lucas über den
Kopf und erwiderte: „ Er ist jeder Aufgabe gewachsen und hat
meine Erwartungen stets erfüllt.“ Der Oberstleutnant
schlug die Hacken zusammen, salutierte und zog sich zurück.
Das Gelächter am Tisch bekam er nicht mehr mit, aber er fragte
sich, ob er mit Lucas nicht zu sehr „aufgetragen“
habe.
Nach der Vorstellung
aller Gäste rief der Jagdleiter die Beteiligten zum Aufbruch
auf: „Sputet euch ein bisschen,
ihr wisst, Genosse Mittag will um 18 Uhr seinen ersten Hirsch
schießen.“ Der Witz schien angekommen zu sein und
alle setzten sich in Bewegung.
Am
Waldrand mit Ausblick auf eine ausgedehnte Wiese befanden sich die
Kanzeln.
Für
die hohen Parteifunktionäre und die honorigen
Staatsgäste wurde eine Tribüne aufgestellt mit
bequemen Sitzen und einer Balustrade zum Auflegen der Waffen.
Oberstleutnant Wild und die anderen Offiziere verteilte man auf
Hochsitze im gebührenden Abstand zur Ehrentribüne.
Plötzlich
vernahm man Treiberlärm und etwas später wurde ein
Rudel stattlicher Rothirsche, die aus ungarischen Gehegen stammten, auf
die Wiese getrieben. Die Tiere, die kaum in der Lage waren richtig zu
laufen, blieben erschöpft in der Mitte der Wiese vor der
Ehrentribüne stehen. Und nun begann ein
ohrenbetäubendes Geknalle und vielee Hirsche brachen an Ort
und Stelle zusammen, andere schleppten sich noch trotz Verletzungen ins
Dickicht des Waldes.
Joseph dachte, dass dies
Zustände wie im Mittelalter bei den Jagden der Feudalherren
wären und ihm fiel das Gedicht aus Sturm und Drang von G. A.
Bürger ein: „Wer bist du
Fürst? Wer
bist du, dass, durch Saat und Forst, das Hurra deiner Jagd mich treibt,
entatmet, wie das Wild?“ Er
liebte als Jugendlicher diese literarische Epoche des 18. Jahrhunderts
voller Gefühle und Aufbegehren. Hatte sich die Welt nicht
weiterentwickelt?
Nach
wenigen Minuten war der Spuk vorbei. Eine eisige Totenstille
überzog die Natur.
Zur
Jagd gehörte auch das Dinner im Jagdzelt. Es bestand aus
erlesenen Wildspezialitäten und bot für die
Teilnehmer Gelegenheit zu diskreten
Geschäftsabschlüssen. Die meisten der honorigen
Gäste hatten sich schon in das grüne Jagdzelt
zurückgezogen, um einen Aperitif einzunehmen.
Doch
diesmal war es anders. Der kapitale ungarische Sechzehnender, den man
Honecker vor die Flinte trieb und den er erlegte, war wie vom Erdboden
verschwunden. Man wussten aber, dass der Staatsratsvorsitzende alle von
ihm erlegten Tiere fotografiert und kategorisiert wissen wollte und
dass er dabei ein richtiger Pedant war. Oft schoss er in einer
Jagdsaison mehr als hundert Rothirsche.
Zu
allem Übel waren an diesem Tag einige der Hundeführer
schon zurück ins nahe Jagdhotel gefahren, denn das
Gekläffe der Hunde würde die Unterhaltung
stören. Es wurde langsam dunkel. Der hektische Jagdleiter sah
Lucas an Josephs Seite und bat Oberstleutnant Wild mit seinem Hund bei
der Nachsuche mitzuhelfen.
Alle
Hunde wurden auf der Wiese angesetzt. Die Bracken an langer
Schleppleine versuchten mit tiefer Nase Spuren aufzunehmen, doch das
war bei dem vorherigen Gemetzel nicht einfach, da es viele Blutspuren
gab.
Lucas
richtete seine Nase in den Wind und stürmte los. Joseph folgte
ihm, was bei dem Tempo des Hundes nicht einfach war.
Prompt
kam der bissige Kommentar des Jagdleiters: „Der
störrische Rote ist weg auf Nimmerwiedersehen!“
Auf
einer Lichtung fand Joseph Lucas. Er stand regungslos vor einem
Gebüsch. Von Zeit zu Zeit bellte er kurz, um seinem Herrn den
Standort anzuzeigen.
Das
traurige Bild, das sich Joseph bot, wird er nie vergessen. Er sah einen
mächtigen Hirsch mit riesigem Geweih. Das Tier lag im hohen
Gras. Als es Joseph sah, hob es seinen Kopf und blickte ihn an. Es war
ein durchdringlicher Blick eines edlen Geschöpfes, das
scheinbar nicht verstand, warum die Spezies Mensch, die ihn jahrelang
versorgte, heute tötete.
Als
die anderen Hundeführer mit dem Jagdleiter ankamen, war der
Hirsch bereits tot. Joseph saß auf einem Baumstumpf, Lucas
lag neben ihm und beide blickten in die großen Augen des
Hirsches, die sich nicht schließen wollten.
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01.03.2022:
Fortsetzung - Teil 8
Einige
Wochen waren vergangen, Joseph und Lukas lebten wieder in ihrem
Offizierszimmer in der Grenzkaserne, da erreichte Joseph ein Brief aus
Berlin. Der Brief enthielt ein Schriftstück von dem
Jagdleiter, dem zuständigen Minister Mielke und dem
Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker unterzeichnet mit folgendem
Inhalt:
Der irische
Setter Lukas hat durch seinen jagdlichen Einsatz bei der Nachsuche,
geführt von Oberstleutnant Joseph Wild, das Waidwerk unseres
Staatsratsvorsitzenden gekrönt und den kapitalsten Hirsch, den
er je erlegt hatte, durch Totverbellen angezeigt. Eine silberne
Plakette an der Trophäe wird stets daran erinnern.
Ab sofort
trägt der Rüde den Titel „Held der
sozialistischen Arbeit“ und dieser
ausgezeichnete
Hund steht unter dem Schutz des Staates. Seine Ernährungs- und
Tierarztkosten werden vom Staat getragen. Die Tötung oder
Verletzung des Tieres wird unter Strafe gestellt. Das beiliegende
Halsband in den Staatsfarben der DDR mit dem Namen des Besitzers
Genosse Oberstleutnant Wild ist ein Beweis unserer Anerkennung.
Als am
folgenden Wochenende Joseph seine Eltern besuchte und über die
Auszeichnung von Lukas berichtete, amüsierte sich sein Vater
prächtig. Er verneigte sich vor dem sozialistischen Helden
Lucas und sagte ihm eine glänzende kommunistische Karriere
voraus.
Sonntagabend
kehrte Joseph in die Grenzkaserne zurück, hängte eine
Kopie der Urkunde an die Mitteilungstafel, rief anschließend
die Soldaten zusammen, legte Lucas vor versammelter Mannschaft das
Halsband an und erinnerte seine Untergebenen daran, dass er erwarte,
dass ab sofort seinem Hund, die Achtung zu teil werde, die ihm zusteht
und er ergänzte:
„Dem
Setter Lucas steht ab sofort jede Bewegungsfreiheit zu. Der Leinenzwang
für den prämierten „Parteihund“
ist aufgehoben. Eine Verwechslung mit einem anderen Hund oder Wildtier
ist durch das Halsband unmöglich. Witzeleien oder
Späßchen auf Kosten von Lucas bedeuten Bunker. Seine
körperliche Unversehrtheit steht an erster Stelle.
Zuwiderhandlungen bedeuten Militärgericht.“
Als Joseph
wieder allein in seiner Stube war, musste er erst einmal
kräftig lachen. Er stellte sich immer wieder die Grenzsoldaten
vor, die sich seinen Vortrag mit verdutzten Gesichtern
anhörten.
Abends
saß er auf seinem Wachturm und beobachtete mit seinem
Fernglas die Wiesen im „Feindesland“. Und wieder
sah er die junge Frau, die verzweifelt versuchte ihren Setter
anzuleinen. Sie schien auf ihn einzureden und er ließ sie
auch bis auf einen Meter an sich herankommen, um dann das Weite zu
suchen. Joseph amüsierte sich köstlich bei diesem
Anblick und dachte nur: „Lucas würde ich das nicht
durchgehen lassen.“
Leider
holten ihn in den nächsten Tagen seine selbstsicheren Gedanken
ein, denn nach dem Abendspaziergang hob plötzlich Lucas seine
Nase in den Wind, er schien mit seinen Lefzen die Witterung zu kauen,
er begann zu winseln und plötzlich war er verschwunden.
Joseph pfiff
mit seiner Trillerpfeife, was das Zeug hielt, doch der Rotschopf war
nirgends zu sehen.
Ein
Stück Wild? Unwahrscheinlich, denn der gut ausgebildete
Jagdhund war gehorsam und Hetzen war nicht seine Sache.
Joseph ging
zum Wachturm zurück, beauftragte zwei Grenzer, die Botschaft
an alle Wachsoldaten weiter zu geben, dass der
„Parteihund“ Freigang habe und jeder verpflichtet
sei, dafür zu sorgen, dass dieser unbeschadet zu seinem
Besitzer zurückfinde. Er ließ sich seine
Verärgerung und Enttäuschung über seinen
„Streuner“ nicht anmerken, nahm sein Fernglas, um
den Kontrollstreifen zu beobachten, denn an einigen Stellen des Zaunes
gab es Öffnungen zum Durchgang des Wildes. Dadurch wollte man
verhindern, dass „falscher Alarm“
ausgelöst wurde.
Auf dem
Kontrollstreifen war kein Hund zu sehen, aber der Anblick, der sich ihm
bot, als er sein Fernglas über die Wiesen jenseits des Zaunes
schweifte, ließ ihm den Atem stocken: Zwei Setter tobten
über die Wiese. Sie jagten sich gegenseitig hielten inne,
legten die Vorderpfoten auf den Boden, musterten sich, um dann ihren
wilden Tanz fortzuführen.
(Auf die
Technik von Zeiss –Jena ist Verlass und Joseph war nah am
Geschehen.)
Die Frau
versuchte die Hündin am festzuhalten, was ihr nicht gelang,
dann fasste sie den Rüden am Halsband, schien inne zu halten,
ging in die Hocke und studierte scheinbar die Gravur.
Plötzlich lachte sie, ihr wurde scheinbar einiges klar. Im
gleichen Augenblick riss sich der Rüde los, stürmte
zur Hündin und dann war es geschehen. Die Frau ging zu beiden
Hunden strich ihnen mit der Hand über den Kopf und wartete
geduldig bis sie sich lösten. Sie leinte die Hündin
an und ging Richtung Dorf. Beide drehten sich noch einige Male um und
sahen zurück. Die vorher von Leben pulsierende Wiese war jetzt
leer. Die Frau hob die Hand und winkte Richtung Niemandsland. Es war
ihr bewusst, dass diese Geste nirgends ankam.
Oder doch?
Joseph
ließ sein Fernglas sinken, stieg den Wachturm hinab und
traute seinen Augen nicht, denn im Gras lag ein kräftig
hechelnder schuldbewusster Lucas. Er strich dem hoch dekorierten
„Republikflüchtling“ sanft über
den Oberkopf, leinte ihn an und ging mit ihm in seine Stube. Lucas
leerte eine Schüssel Wasser und legte sich auf seine Decke.
Joseph dachte: Leben kann so schön und ehrlich und ohne
Grenzen sein. Fontane würde mit
Wüllersdorf
sagen: “diese Tiere sind uns über.“