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Gordi der Lawinen - Rettungshund
/ eine
Kurzgeschichte
Ein Mann, der
als Kind bei Nachbarn
einen Wurf Gordon Setter Welpen mitbetreuen durfte, will die
schönen Erinnerungen noch einmal wahr machen. Er findet eine
kleine Gordon Setter Hündin bei einer renommierten
Züchterin in Hessen. Diese ermuntert den Mann später
mit der Kleinen zu züchten, da dieser Welpe etwas Besonderes
sei.
Und
sie ist wahrlich eine Augenweide. Sie wächst prächtig
und sein Besitzer ist sicher, mit dieser Hündin- mit dem
Kosenamen „Gordi“ - würde er seinen lang
gehegten Traum verwirklichen.
Eines
Tages bei einem Spaziergang trägt der halbwüchsige
Welpe einen großen Stock in der Schnauze. Der besorgte
Besitzer fürchtet, der Welpe würde sich die
Zähne verletzen und versucht ihm den Stock aus dem Fang zu
nehmen. Dabei sieht er, dass drei der kleinen Zähnchen nach
dem bereits erfolgten Zahnwechsel fehlen, was ihm
anschließend durch einen Tierarzt bestätigt wird.
Nicht
für die Zucht geeignet, entscheiden die Funktionäre.
An diesen fünf Millimeter großen fehlenden
Prämolaren sollten seine Hoffnungen scheitern? Er war
untröstlich.
Doch
nirgends sind die Gesetze so hart und so konfus wie in der Hundezucht.
Es
gibt Hunderassen, deren Züchter Vorbeißer (unteren
Schneidezähne stehen vor den oberen), Ektropium (unteres Lid
hängt herab) oder ein komplett fehlendes Haarkleid
(Nackthunde) und so einiges mehr als Rassemerkmal betrachten, bei
anderen Rassen wieder sind das zuchtausschließende
Mängel.
Der
kleine Sohn des Mannes, der das Jammern mitbekommt, versteht die Welt
nicht mehr. Er versichert seinem Vater, dass Gordi der liebste Hund
sei, den es gibt. Dass sie ihm gelegentlich die Hausschuhe klaue, sei
doch nicht schlimm, sie bringe sie doch jedes Mal wieder
zurück.
Zwei
Wochen später verkauft der törichte Mann, als sein
Sohn in der Schule ist, die Hündin an einen Gastwirt aus
Bayern, der einen jungen Hund mit guter Nase sucht, um ihn als
Rettungshund auszubilden.
Der
Mann hat noch ein gutes Gewissen dabei, da der
Rettungshundeführer, ein freundlicher, aber etwas einsilbiger
Mensch, ihm versichert, dass in seiner Gastwirtschaft wahre
Leckerbissen auf Gordi warten und dass die Arbeit dem Hund viel
Spaß machen wird.
Ein
Jahr ist vergangen, der Name Gordi in der Familie scheinbar vergessen.
Der Mann muss seinem Sohn keine Lügengeschichten mehr
erzählen. Auch die Wogen in seinem Inneren hatten sich
geglättet und er kann wieder ruhig schlafen.
Und
dann kommt der Tag, als er im Postkasten einen Brief aus Bayern findet.
Ein kariertes Blatt scheinbar aus einem alten Heft gerissen mit
folgendem Satz: „Heute hat Gordi einem Menschen das
Leben gerettet.“
In
den folgenden Jahren erhält er in den Wintermonaten drei
weitere Briefe mit dem gleichen Inhalt.
Wie
den ersten Brief versteckt der Mann die weiteren Briefe in seinem
Schreibtisch.
Der
Junge wächst heran, er ist klug und wissbegierig.
Nachdem
der Mann sich von der Zuchtidee verabschiedet und aus dem Tierheim
einen großen zottigen Hund nach Hause bringt, hilft der Junge
diesen von Kletten zu säubern, zu baden und zu
kämmen.
Und
plötzlich sagt er, indem er seinen Kopf auf den
Rücken des Hundes legt: „Die Haare sind
pechschwarz, wie die von Gordi.“
Der
Mann legt verstört den Kamm bei Seite und sagt nach
längerem Schweigen:
„Nichts
ist so schlimm wie eine Lüge. Die Geschöpfe, die uns
anvertraut werden, darf man nie verraten. Zucht heißt oft der
Natur ins Handwerk pfuschen. Drei kleine Zähne machen noch
keinen klugen und liebenswerten Hund aus. Junge, ich habe versagt. Es
tut mir leid“.
Noch
versteht der Junge nicht, was sein Vater meint.
Dieser
geht zu seinem Schreibtisch und überreicht dem Jungen die
Briefe aus Bayern. Der Junge überfliegt sie und rennt davon.
Einige
Tage gehen sich beide aus dem Weg, doch plötzlich nach dem
Abendessen sagt der Junge zu seinem Vater: „In
einer Woche haben wir Weihnachtsferien. Bitte bring mich zu
Gordi.“ Dieser nickt nur und verschwindet in seinem
Arbeitszimmer.
Beide
kommen an einem Samstag in Grainau in der Nähe von Garmisch
an. Der Junge stürmt in die Gaststätte. Vor dem Kamin
steht ein Weidenkorb, darin liegt auf einem weichen Kissen ein alter
Hund. Sein pechschwarzer Rücken und sein vom Alter
weiß gewordener Kopf bilden einen Kontrast. So viele Jahre
sind vergangen und dennoch bewegt die Hündin leicht ihre Rute
und zieht die Lefzen hoch zu einem Lachen, sowie sie als Welpe den
Jungen stets begrüßt hat.
Der
Mann kommt auch zum Korb, streicht dem Hund über den Kopf geht
dann zum Wirt, der auch fassungslos die Szene beobachtet und legt
diesem ein Bündel Scheine auf den Tresen und sagt:
„Es war kein redliches Geschäft.“ Dann
setzt er sich auf einen Stuhl und schweigt.
Auch
der Wirt kann mit der Situation nicht umgehen und verlässt den
Raum.
Etwas
später kommt seine Frau mit einer Schüssel
Weißwürste und bittet die beiden zu bleiben. Ein
Zimmer habe sie bereits zurecht gemacht. Wenigstens jetzt sollte man
sich besser kennenlernen.
Der
Junge ist glücklich und sein Vater zu müde, um zu
widersprechen.
Am
folgenden Tag überredet die Frau die beiden, vor der Abfahrt
wenigstens einen Spaziergang mit Gordi durch die verschneite Landschaft
zu machen. Auch diesmal fügt sich der Vater.
Als
die beiden mit Gordi zum Wandern aufbrechen, ruft die Frau ihnen
hinterher, dass sie in der Nähe des Ortes bleiben sollen, da
weiter oben akute Lawinengefahr bestehe.
Der
Junge ist außer sich. Er tobt mit Gordi durch die Landschaft
und diese kann trotz ihres Alters gut mithalten. Der Mann folgt den
beiden etwas in Gedanken versunken, aber doch glücklich.
Ohne
es zu wollen, entfernen sie sich recht weit vom Ort.
Als
Gordi merkt, dass der Mann zu weit zurückbleibt, dreht sie um
und läuft kläffend zu diesem hin.
Der
Mann geht in die Hocke und bürstet ihr zärtlich mit
der Hand den Schnee aus dem Fell.
Im
gleichen Augenblick ertönt ein donnerndes Geräusch
und eine Lawine stürzt den Berg hinunter. Instinktiv
drückt der Mann die Hündin an sich.
Einen
Augenblick später ist die Landschaft nicht wiederzuerkennen.
Riesige Schneemassen soweit das Auge reicht und nirgends ist der Junge
zu sehen.
Panisch
sucht der Mann sein Handy und ruft den Gastwirt an. Dieser versteht
sofort und löst Alarm aus.
Auch
Gordi hat verstanden und setzt sich in Bewegung. Wie ein junger Hund
bezwingt sie die Schneemassen, hält dann plötzlich
inne, bellt etwas krächzend, wie es alte Hunde tun und beginnt
mit den Vorderpfoten an einer Stelle wie rasend zu graben. Auch der
Mann setzt seine Hände ein und hilft ihr dabei. Nach kurzer
Zeit wird ein Zipfel der Jacke des Jungen sichtbar. Der Hund
verbeißt sich darin und zieht mit Leibeskräften.
Als
die Retter ankommen, ist der Junge bereits von den Schneemassen
befreit. Gordi liegt neben ihm und atmet schwer. „Es ist das
Herz“, sagt der Gastwirt. Der Junge wird sofort zwecks
Kontrolle ins Krankenhaus gefahren und Gordi in die Tierklinik.
Am
Abend sitzen alle im Gasthaus um den Kamin. Der Gastwirt
flüsterte dem Jungen zu, dass der Herrgott es gut mit ihm
meine, und dass heute für ihn ein Glückstag sei. Auch
Gordi ist wieder die alte. Sie kaut an einem Kalbsknochen und wenn der
Junge sie anspricht zieht sie die Lefzen zu einen Lächeln
hoch.
Als
sie am folgenden Morgen sich bereits verabschiedet hatten und im Auto
sitzen, kommt die Wirtsfrau mit Gordi an der Leine, öffnet die
hintere Wagentür lässt Gordi hineinspringen und
richtet aus, dass ihr Mann sich entschuldige und mitteilen lasse, dass
unredliche Verkäufe ja rückgängig gemacht
werden müssten und dass er sowieso einen jungen Hund
für den Rettungsdienst brauche.
Sie
wischt sich eine Träne weg, drückt dem Jungen die
Herztabletten für Gordi in die Hand und geht zurück
in die Gaststätte. Von der Tür ruft sie noch dem Mann
und dem Jungen, die versteinert im Auto sitzen, zu, dass es Zeit sei,
endlich loszufahren.
Richard
Didicher
Natürlich
wird Gordi zu Hause nach Strich und Faden verwöhnt.
Natürlich
verträgt sie sich gut mit dem Hund aus dem Tierheim.
Natürlich
kann diese Geschichte wahr sein, wenn auch nicht in allen Details.


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